Der Autor und der digitale Wandel: Ulrich Magnus Hammer im Interview

Herr Hammer, erzählen Sie uns doch im ersten Schritt mal etwas über Ihren Arbeitstag als Autor.

Arbeitsbeginn ca. 8:30. Text vom Vortag lesen und überarbeiten. Weiterschreiben. Plötzlich ist es Mittag. Recherchen zu Details im Internet. Google. Recherchen in der eigenen Realbibliothek. Familienpflichten, wie Kochen und Schularbeitenhilfe für meinen Sohn (13 Jahre). Weiterschreiben. Plötzlich wird es draußen dunkel. Abends: E-Mails abfragen.

Zwischendurch: Kulturzeit sehen (3 Sat). Abendessen und danach weiterschreiben. Ein zwei Telefonate. Eine Wissenschaftssendung: Harald Lesch. Eine Stunde das Kultur- und Literaturprojekt CULTO betreuen. Zwei Stunden vor Mitternacht: Rückenschmerzen. Vielleicht noch einen Film im Fernsehen. Schlafen. Nächster Morgen: das Gleiche von vorne.

Ihre Bücher „Fanal“ und „Die Akte Serkassow“ sind auch als eBook erschienen und Sie verlegen über Culto sowohl Hardcover als auch eBooks. Was sind Ihre Gedanken zum Wandel und der Digitalisierung im Buchmarkt?

Dem E-Book gehört zweifellos die Zukunft (wobei das gedruckte Buch keineswegs verschwinden wird), im Moment jedoch hat die Entwicklung einen sehr negativen Einfluss auf die Inhalte. Es scheint fast, als würden mehr Menschen schreiben als lesen. Dieses Missverhältnis wird sich vielleicht irgendwann von selbst regulieren. Wer will schon ernsthaft den neuen Krimi oder Fantasy Roman der Nachbarin lesen, wenn man selbst gerade einen E-Book Bestseller zu schreiben glaubt. Wie kann man in diesen Textangeboten  noch gut von schlecht unterscheiden? Ich selbst habe aus diesem Grunde mit Freunden aus der Film-, Kunst- und Wissenschaftswelt die Kulturplattform CULTO gegründet, die sich ausschließlich der inhaltlichen Qualität verpflichtet fühlt und auf den Leser setzt, der sich nicht mit literarischen Fastfoodprodukten zufrieden gibt.

Inwiefern hat sich Ihr Arbeitstag durch diesen Wandel verändert?

Die elektronische Revolution ist ein gigantisches Geschäft, das nicht mehr auf Effektivität ausgerichtet ist. Man wird mit jedem unsinnigen neuen Programm immer mehr zu einem Verwalter und Organisator des Überflüssigen. Für Kreative bleibt da irgendwann kein Raum mehr für Kreativität. So war das alles nicht gemeint, als wir noch glaubten, die Arbeit würde jetzt leichter werden.

Das Internet bietet ja nun auch den direkten Kontakt zu ihren Lesern. Rezensionen erscheinen online und Kontakte entstehen über die großen Social-Media-Plattformen. Schauen Sie jetzt auch ins Netz und sehen sich das direkte Feedback ihrer Fangemeinde an?

Ich selbst verfüge über eine fast dreijährige Facebook-Erfahrung mit über tausend „Freunden“.  Kontakt zu Lesern hat so gut wie nicht stattgefunden, und der Arbeitsaufwand der Verwaltung ist immens. Natürlich kann man auch Lesungen auf YouTube verlagern, aber die Idee, das reale Leben vollständig zu digitalisieren wird in sich zusammenbrechen. Computer und Internet sind großartige Werkzeuge, aber wenn sie das Leben ersetzen sollen, sind sie absolut zweckentfremdet. Um eine Fangemeinde auf Facebook zu regenerieren, müsste man das Schreiben aufgeben und zum e-Medien und PR Fachmann werden. Die Entwicklung geht zurzeit in die Richtung, erst ein Buch zu vermarkten und es dann schnell zu schreiben. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Erfolgreiche Künstler und Wissenschaftler lassen ihre Websites von Dritten verwalten. Anders könnten sie ihren eigentlichen Job nicht machen.

Was lernen Sie aus dem Feedback Ihrer Leser? Hilft es eventuell sogar bei der Ideenfindung?

Zur Ideenfindung sollte ein Autor eigentlich keinen Leser benötigen. Es ist ja umgekehrt, die Kraft der Literatur besteht ja gerade darin, dass ein inspirierter Autor seinen Leser inspiriert. Ich kenne keinen echten Autor, der nicht einen Koffer voller Ideen mit sich schleppt. Die Art der Kommunikation, wie sie im Netz stattfindet, allerdings, kann sehr wohl zum Nachdenken anregen. Ich selbst arbeite gerade an einem Stoff über virtuelle Realitäten im Netz. Das ist so spannend wie gruselig. Jeder kann vom Küchenzimmer aus einen globalen virtuellen Konzern erfinden, jeder kann sich zu einer Person stilisieren, die es real nicht gibt. Das ist Romanstoff, aber im wirklichen Leben trifft man Menschen, mit denen man speist, Wein trinkt, denen man in die Augen sehen kann und mit denen man an einem Sommerabend am Strand grillen kann. Was im Moment in den e-Medien geschieht ist kein Fortschritt sondern die Konterrevolution der internationalen Autisten.

Stichwort „Ideenfindung“. Was inspiriert Sie? Worüber schreiben Sie?

Ich bin schon ein paar Jahre auf dieser Welt. Mein Leben, meine Erlebnisse und meine Erfahrungen sind eine überquellende Wunderkiste voller Stoffe, Themen und Anregungen. Kaum etwas ist mir erspart geblieben, jetzt kann ich davon zehren. Aber um etwas zu finden muss man sehen können. Ideen liegen auf der Straße. Ein Kronkorken im Müll, eine Zigarettenkippe, Herbstlaub im Wind, eine Pöbelei im Straßenverkehr, eine Verkäuferin im Supermarkt… Alles ist spannend, birgt ein Geheimnis, kann ein Wunder sein, wenn man länger hinschaut. Wer sich nicht mehr beeindrucken lässt, kann nichts ausdrücken. Fantasy und  Horrorthrill aus dem warmen Wohnzimmer in die Welt zu bringen ist nur ein Nebenprodukt der Freizeitgesellschaft. Das wird sich eines Tages selbst überholen.

Wie sieht denn der Schreibprozess bei Ihnen aus? Haben Sie einen genauen Plan wenn Sie ein Buch beginnen oder wandelt es sich während des Schreibens?

Ich habe Themen, die ich gerne realisieren möchte, und warte auf den Moment, wo sich alles in meinem Geist verdichtet hat und genügend gereift ist. Meistens schreibe ich monatelang neben der aktuellen Arbeit im Kopf. Es geschieht wie in einem Film oder Traum. Alles ist fertig, in Bildern und Szenen. Es muss dann nur noch „zu Papier gebracht werden“. Da spielt dann der Anfang eine wichtige Rolle. Er gibt dem Stoff eine literarische Richtung. Danach schreibe ich mich in eine Art Trance oder Wahn. Ich werde zum Thema und vereinige mich mit meinen Figuren. Der Prozess des Schreibens verändert allerdings nicht selten die ursprüngliche Idee. Der Stoff entwickelt seine eigene Logik, bekommt ein seltsames Eigenleben, so wie das wirkliche Leben. Nicht alles, was geplant war, hat Bestand. Figuren wehren sich gegen Bevormundung des Autors und machen eigene Vorschläge für das Fortschreiten der Handlung. Sie rufen nach freier Entfaltung. Nur wenn alles lebendig wird, kann sich ein stimmiger Faden durch Raum und Zeit spinnen.

Schließlich kommt die Sklavenarbeit. Der Autor wird Knecht seiner selbst. Nach dem Schreiben gilt es zu streichen, zu verbessern, redigieren, immer wieder, zehn Mal, zwanzig Mal. Noch einmal recherchieren, ob diese oder jene Behauptung auch stimmt, hinterfragen, immer wieder, immer weiter. Und eines Tages sagt das Buch: „Jetzt reicht es! Ich bin fertig. Schluss, Ende.“

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BildGeboren 1945, studierte Ulrich Magnus Hammer Bildende Kunst in Berlin. Entdeckt durch den renommierten Kunstkritiker Pierre Restany, machte er sich schon früh als Avantgardekünstler – u.a. auf der Biennale Paris – einen Namen. In den siebziger Jahren war U. M. Hammer als Musiker einige Jahre Mitglied der Kultband „Ton-Steine-Scherben“. Später arbeitete er als Artdirector in München und begann, erste Kurzgeschichten zu schreiben. Bei edition fredebold hat der Autor die Romane „Fanal“ und „Die Akte Serkassow“ veröffentlicht. Beide Bücher sind auch als eBooks erhältlich.

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